Das Zuhälterkind packt aus

Diana

Der Vater war Zuhälter, die Mutter Prostituierte. Seit ihrem vierten Lebensjahr wurde Diana vom Vater missbraucht. Jetzt macht die 51-Jährige ihre leidvolle Geschichte ­öffentlich mit dem Buch «Das Zuhälterkind».

von Helga Schabel

Diana* ist vier, als der Vater sie das erste Mal aus dem Schlaf reisst und sich über sie hermacht. Jahrelang erträgt sie die Übergriffe und die Mahnung, nur ja niemandem davon zu erzählen. Als sie trotzdem mit der Mutter über das Unerklärliche spricht, das ihr beinahe jede Nacht geschieht, blockt diese ab.

Einmal verletzt «Papi» sie in einem Wutanfall am Kopf. Mit dickem Verband muss sie zur Schule – und lügen, sie sei mit dem Trottinett gestürzt. Erbrechen und Kopfschmerzen quälen sie danach noch lange Zeit. Wenn die Mutter ihre Freier in der Wohnung empfängt, dürfen die drei Kinder die Küche nicht verlassen. Warmes Essen gibt es selten, oft ersetzt ein Bürli mit etwas Schokolade den Zmittag.

Irgendwann hören die Übergriffe des Vaters auf – «vielleicht war er sich meiner Verschwiegenheit nicht mehr sicher», mutmasst Diana heute. Doch regelmässig muss das Mädchen ihn nachts begleiten, wenn er bei seinen Prostituierten abkassieren geht. Das Kleingeld darf sie dann behalten. Immer wieder zwingt sie der Vater auch, bei seinen Sex­orgien zuzusehen. Die Familie wechselt häufig den Wohnort, zieht von St.?Gallen ins Appenzeller Vorderland oder nach Vorarlberg und wieder zurück, lebt mal in elenden Absteigen, mal in besseren Wohnungen, je nach Geschäftsgang der Eltern. Der Vater sitzt wegen Zuhälterei wiederholt im Gefängnis, einmal auch wegen Mordverdachts in ­U-Haft.

Zufluchtsort Kärnten

Dianas verheulte Augen hat keine der Lehrpersonen je bemerkt, und auch die Nachbarn waren blind und taub gegenüber den Zuständen in der Familie. Sie kann niemandem von ihrem Leid erzählen, selbst nicht der besten Freundin. Als sie zwölf ist, bringt der Vater sie zur Grossmutter nach Kärnten. Die betreibt an ­einem der Seen eine Ferienpen­sion. Diana erlebt bei der warmherzigen Frau ihre schönsten Jahre, kann ein wenig von der Kindheit nachholen, die sie bis dahin nicht hatte.

Widerstand unmöglich

Dann wird die Mutter bereits zum wiederholten Mal in Rorschach von einem der Freier so arg zugerichtet, dass sie wochenlang im Spital liegt und in der Folge so entstellt bleibt, dass sie ihrer Tätigkeit nicht mehr nachgehen kann. Diana entschliesst sich schweren Herzens zur Rückkehr in die Ostschweiz, um bei den jüngeren Geschwistern zu sein. Die Eltern haben sich mittlerweile zwar getrennt, doch immer wieder taucht der Vater auf, muss ihn Diana zu seinen «Inkassotouren» begleiten, zusehen, wie brutal er die meist sehr jungen Mädchen behandelt – und sich gleichzeitig die Drohung von ihm anhören, er werde sie umbringen, wenn sie sich jemals prostituieren würde. «Sich ihm zu widersetzen, war unmöglich, weil er so schrecklich jähzornig und besitzergreifend war», sagt Diana.

Mit 20 schlittert die junge Frau in eine Ehe und hofft damit dem Vater zu entkommen. Doch der Ehemann ist beziehungsunfähig und vollkommen uninteressiert an der gemeinsamen Tochter. Zu allem Überfluss quartiert sich auch noch der eben wieder mal aus dem Gefängnis entlassene Vater mitsamt seiner Freundin, einer dominikanischen Nackttänzerin, bei der jungen Familie ein. Widerstand zwecklos. «Er ist und bleibt mein Vater», sagt Diana.

Anfang der 80er-Jahre ist sie ­geschieden und alleinerziehend. Dann kommt die Nachricht: ­«Papi», wie sie ihn immer noch nennt, sei mit dem Motorrad tödlich verunglückt. Das Gesicht des Toten hat sie bis heute nicht vergessen. «Augen und Mund waren offen, und ich fragte mich, ob er sich bei mir entschuldigen wollte für alles, was er mir angetan hatte.»

Schreiben gegen die Albträume

Auch Jahrzehnte später plagen sie immer noch Albträume. Sie versucht, sich die quälende Vergangenheit von der Seele zu ­schreiben – und scheitert. «Je länger ich schrieb, umso schlechter ging es mir.» Eine Kollegin vermittelt ihr Jakob Lieberherr, den ehemaligen Bauern und Schriftsteller aus Weesen. Eigentlich will sie ihre Geschichte nur für sich selbst festgehalten haben. Doch nun wird sie doch veröffentlicht.

Was erhofft sie sich davon? «Ich habe sehr gekämpft mit mir, doch jetzt empfinde ich eine grosse Befreiung, und ich hoffe, dass auch andere Frauen ermutigt werden, sich ihrer Geschichte zu stellen, denn die Dunkelziffer von Missbrauch in der Familie ist hoch», sagt sie. Verständlich, dass die Angehörigen nicht erfreut waren über das Outing. «Doch das alles ist lange her, und man muss zu seiner Vergangenheit stehen», sagt Diana. Sie hat so lange geschwiegen, wie übrigens auch ihre vier Jahre jüngere Schwester. «Erst vor kurzem erzählte sie mir weinend, dass auch sie vom Vater missbraucht worden war.»

Wird sie dem Vater je verzeihen können? «Noch bin ich nicht so weit, aber ich hoffe, es irgendwann einmal zu schaffen.» Und der Mutter? «Zu ihr habe ich heute ein gutes Verhältnis, weil ich denke, dass sie meinem jähzornigen, sexbesessenen Vater ziemlich hilflos ausgeliefert war.»

 

Das Zuhälterkind

 

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